Einige (historische) Gedanken zum Werfen von "Schmeissgeiern"
(Hand Launched Glider)


1. Historische Entwicklung

Sieht man davon ab, dass sehr viele Flugmodelle als Starthilfe (beim Einfliegen) per Hand gestartet werden, geht der Handstart als "Antrieb" von Segelflugmodellen sehr weit zurück.

Bereits um 1940 wurden freifliegende Wurfgleiter (FF-HLG,Chuck Gliders) weltweit auf Wettbewerben (Indoor/Outdoor)eingesetzt.

Beachtlich sind die derzeitigen Rekorde der Indoor-Klasse F1N:

Hallenhöhe 8-15 Meter: 60,4 Sekunden

Hallenhöhe 15-30 Meter: 62,8 Sekunden

Hallenhöhe über 30 Meter: 84,0 Sekunden

Der erste, der ein ferngesteuertes Modell (RCHLG) per Hand "angetrieben" hat, war 1976 Dave Thornburg (USA) mit seinem Modell SUNBIRD, das er 1979 in Pausen derF3B WM in Belgien vorgeführt, und damit HLG in Europa bekannt gemacht hat

2. Physikalische Grundlagen:

Leider ist die landläufige Meinung, dass zum Werfen eines Schleuderseglers Kraft nötig ist, kaum auszurotten.

Dass dem nicht so ist, werde ich Dir anhand der (vereinfacht dargestellten) physikalischen Gesetze zu beweisen versuchen:

2.1. Kinetische Energie:

Egal welchen Gegenstand Du versuchst; möglichst weit/hoch zu werfen, entscheidend ist, wieviel kinetische Energie (KE) Du vor dem Abwurf in den Gegenstand "gepackt" hast.
Die Formel dafür ist: Masse(Gewicht) mal Geschwindigkeit zum Quadrat geteilt durch 2

Auf den ersten Blick bietet sich die Masse(Gewicht) an, um die KE zu erhöhen. Das stimmt auch, wenn Du z.B. versuchst einen Tischtennisball und einen gleich grossen Stein gegen den Wind zu werfen.

Leider benötigen wir für einen Schleudersegler möglichst geringes Gewicht, um die Gleitleistung zu erhöhen.(Flächenbelastung)

Bleibt also die Geschwindigkeit, mit dem Vorteil, dass bei doppelter Geschwindigkeit die KE um das vierfache steigt.
Wie kann man also die Geschwindigkeit erhöhen ?

2.2.Beschleunigung

Um einen Gegenstand vom Stillstand (Geschwindigkeit =0) auf die Abwurfgeschwindigkeit VA zu beschleunigen muss Arbeit aufgewendet werden.Die Formel für Arbeit ist Kraft mal Weg.

Also doch Kraft ? JEIN; entweder grosse Kraft und kurzer Weg, oder kleine Kraft und langer Weg.

Die Entwicklung zum Drehwurf war also auch für HLG Modelle absehbar...

3.Der Drehwurf in der Leichtathletik

Einige Sparten der Leichtathletik haben sich diese beiden physikalischen Grundgesetze zu nutze gemacht:

Die Hammerwerfer beschleunigen ihr 7,25 kg schweres Gerät mit 3-4 vollen Drehungen.

Die Diskuswerfer den 2 kg schweren Diskus mit 1,5 Drehungen.

Den Speerwerfern wurde der Drehwurf des 800 g schweren Speeres verboten, da die Stadien dafür zu klein waren....

4.Die alte Schleudersegler Wurftechnik:

Auch Speerwurftechnik, bzw.Javelin/Overhand launch genannt.
Als Wurfhilfe waren das Fingerloch im Rumpf oder ein Dübel quer durch Rumpf gebräuchlich
Man hat versucht die Anfangsgeschwindigkeit durch einen Anlauf zu erhöhen und dann mit der Speerwurftechnik biszum Abwurf zu beschleunigen.
Der Beschleunigungsweg dafür betrug ca.1,5 m und die Abwurfgeschwindigkeit ca. 50 - 70 kmh.
Grösster Nachteil:.Die Verletzungsgefahr für Rücken, Schulter und Ellenbogen war relativ gross....
Die erzielbaren Wurfhöhen lagen bei ca.15 Meter, die Flugzeiten ( ohne Thermikeinfluss) bei ca. 50 Sekunden

5.Die Schleudersegler Drehwurftechnik.

Die ersten Versuche, ein Modell „anders“ zu werfen, haben Modellflieger aus SEATTLE (Harold Locke, Adam Weston) mit 1 Meter Deltas ca. 1966 durchgeführt: Ausholbewegung ähnlich den Eisstockschützen, d.h eher von unten nach oben.
Der Begriff Tip-Launch war geboren.
Die ersten Starts mit einer 180 Grad Drehbewegung hat Dick Barker (Seattle,USA) im Jahr 1999 auf dem IHLGF (inoffizielle HLG WM) mit seinem Modell UPLINK gezeigt.Als Wurfhilfe verwendete er Golfhandschuhe und eine Art Harz für besseren "Grip".
Der Begriff SAL (Side Arm Launch) war geboren.
Die ebenfalls anwesenden Deutschen rund um Uwe Reker haben die Idee aufgegriffen und die Entwicklung bis zur heutigen DLG (Discus Launched Glider) Technik wesentlich beeinflusst.
Bei Abfluggewichten zwischen 250 und 350 Gramm hat sich derzeit eine 1 ¼ (450 Grad) Drehung durchgesetzt.Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten versuchen werden, mit 2 ½ Drehungen noch mehr Herauszuholen.(ohne schwindlig zu werden !)

Der Beschleunigungsweg bei einer 450 Grad Drehung liegt bei ca.. 6,5 Meter, die Abwurfgeschwindigkeit bei ca. 100 kmh, die Wurfhöhe bei ca. 45 m, die Flugzeit (ohne Thermikeinfluss) bei ca. 90 Sekunden.
Der grösste Vorteil:
                                praktisch keine Verletzungsgefahr.
Nachteil gegenüber den alten 2-Achs-Modellen (Seite/Höhe) ist der technische Aufwand:
3 -4 Servos(Flaperons),Programmierbare RC-Anlage, erhöhte Festigkeitsanforderungen an das Modell.Ohne Kohle/Kevlar geht es nicht mehr....
6.Die Wurfhilfen.
Die vom Deutschen Hanrieder erfundene Schleudertechnik mit einem ca. 1 m langen Seil wurde verboten. Uwe Reker und Achim Streit haben den Wurfstift eingeführt, Wolfgang Zach die Fingermulden und Martin Kopplow die Wurfwinglets(Launchlets) und Mark Drela das Launch Blade.

Am weitesten verbreitet ist der Wurfstift: er ermöglicht, das Modell maximal zu beschleunigen.Allerdings besteht die Gefahr, den Stift über den Abwurfzeitpunkt hinaus zu umklammern und das Modell zu verreissen bzw. zu zerstören.
Die Fingermulden haben den Vorteil, dass sich die Finger bei Überbelastung "automatisch" öffnen.
Das Wurfwinglet ist ein Kompromiss zwischen Stift und Fingermulde.

7.Trimmung für den Drehwurf.

Beim Drehwurf entstehen spezielle Dreh-und Schiebemomente, die bei entsprechender Auslegung des Modells (siehe Pkt.14 ) weitgehendst ausgeglichen werden Ein „normales“ Modell würde bei einem Drehwurf nach links (bei Rechtshändern) wegsteigen und nach einer halben Rolle in Rückenlage kommen.

Geht das Modell nicht von alleine in der gewünschten Richtung hoch, braucht man für die Startphase (dauert ca. 2 bis 3 Sekunden) eine spezielle Trimmung (Launch Preset) die man, wenn möglich auf einen 2-oder 3 Stufenschalter des Senders legt:

Preset für Seite: für Rechtshänder: Seitenruder nach rechts oder linke Wölbklappe nach unten Preset für flacheren Steigflug: etwas Tiefenruder oder beide Wölbklappen nach oben Ideal (für Wettbewerbspiloten) ist ein 3-Stufenschalter:
Position 1: Trimmungen für Start
Position 2: Trimmungen für Thermiksuche (bestes Gleiten)
Position 3: Trimmungen für Thermikflug (geringstes Sinken)

8.Die Drehbewegung:

Üblich sind 450 Grad (1 ¼ Drehungen):.
Ausgangsstellung für Rechtshänder( für Linkshänder spiegelverkehrt) ist parallel zum Wind ,wobei die linke Schulter gegen den Wind gerichtet ist und das rechte Ohr des Modelles am Boden liegt.Dann leicht andrehen damit sich das Modell vom Boden abhebt.
Grundsätzlich sollte die gestreckte Wurfhand mit dem Modell (passiv) hinter dem Körper zurückbleiben und ihn keinesfalls "überholen".
Ausgehend vom Becken über die Hüften,Schultern bis zum Wurfarm sollte in den ersten 180 Grad der Körper möglichst "verwunden" werden, was durch ein schnelles Einspringen in die zweiten 180 Grad erhöht werden kann.
Diese "Drehspannung" wird vor dem eigentlichen Abwurf möglichst flüssig wieder abgebaut.
Gelingt es, auch die Hüfte zu „verwinden“, ist es optimal.

Für die Verteilung der Beschleunigung sind 2Arten gebräuchlich:
8.1 Für Anfänger oder Wurfstift:
Die Hauptbeschleunigung in die ersten 360 Grad legen.Die letzten 90 Grad nur mehr zum kontrollierten Loslassen verwenden.
8.2 für Experten oderFingermulde: eher langsam beginnen und kontinuierlich bis zum Loslassen (inkl.Handgelenk) beschleunigen.

9.zusätzlicher Anlauf:
Natürlich wäre es vorteilhaft, die Drehbeschleunigung nicht bei Null, sondern nach einem Anlauf zu beginnen.
Es ist aber sehr schwierig, diese beiden Bewegungen harmonisch ablaufen zu lassen.

10.Wurfrichtung und Winkel
Die Wurfrichtung sollte immer genau gegen den Wind erfolgen.
Nach dem Motto „auf dem kürzesten Weg zum Ziel (Höhe)“, wäre ein senkrechter Steigflug ideal.
Leider muss das Modell nach dem Steigflug durch entsprechendes „Nachdrücken“ d.h. Tiefenruder, in den Gleitwinkel gebracht werden.
Dies ist umso schwieriger (Zeitpunkt und Ausschlag), je steiler der Abwurfwinkel.
Prinzipiell: je stärker der Wind, desto flacher werfen.Bei Windstille ca. 60 Grad.
11.Training
Da der gesamte Drehwurf sehr schnell abläuft und durch "Mitdenken" kaum kontrollierbar ist, sollte für das Training unbedingt ein "Beobachter" oder besser eine Videokamera eingesetzt werden.

Siehe Zeitlupenvideos von DLG Starts

Nach ca. 100 Trainingswürfen sollte der Abwurf soweit "automatisiert" sein, dass das Modell ohne
Verreisssen und ohne "Verwackler" mit maximaler Geschwindigkeit (ist im Wesentlichen durch die Modellauslegung und Trimmung bestimmt) gerade gegen den Wind hochsteigt.
Immer locker bleiben und nie an den "Krafteinsatz" denken....
Derzeit nähern sich die Weltbesten  der 70 Meter Marke...
Aber: Wurfhöhe ist nicht Alles....
12.Messen der "reinen" Flugzeit:

Die einzige Tageszeit, zu der ein Thermikeinfluss weitgehendst ausgeschlossen werden kann ist morgens, vor Sonnenaufgang:Am besten 20 Flüge stoppen, die 5 Besten und 5 Schlechtesten streichen und den Durchschnitt der verbleibenden 10 nehmen.

13.“Messen“ der Wurfhöhe:
Werden meist geschätztDamit ist dem „Jägerlatein“ Tür und Tor geöffnet....
Besser ist der Vergleich mit anderen Piloten oder Messungen (auf 1 Meter genau)  mit Daten-Loggern (LOLO,ALTI,RAM,ZLOG).
Der einfachste ist derzeit der HOWHIGH:

14.Modellauslegung:

Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, aber folgende Kriterien für einen DLG sind bereits "gesichert":

Beim Drehwurf entstehen Dreh-und Schiebemomente die ein "normales" Modell in einer Linksrolle steigen
lässt.Um dies zu kompensieren muss der Abstand des Seitenleitwerkes zum Schwerpunkt ca. 700 mm betragen
und ca. 50 % der Seitenleitwerksfläche unterhalb der Rumpflängsachse liegen. Das Höhenleitwerk (Kreuzleitwerk) kann aus Schwerpunktsgründen und besserer Wendigkeit um die Längsachse bis zu
100 mm davor liegen.Aufgrund des langen Hebelarmes muss aus Schwerpunktsgründen die Rumpfnase ca. 200 mm lang sein und der Akku ganz vorne plaziert sein.Um zu verhindern, dass die Rumpfnase aufgrund der Zentrifugalkraft wegbricht, muss der Rumpfvorderteil entsprechend verstärkt sein.
Als Profile haben sich Laminarprofile mit 7% Dicke und 1.5 % Wölbung ,und einfache V-Form (max. 5 Grad) mit durchgehenden Flaperons,durchgesetzt.
Im Moment ist der AGxxx Strak von Mark Drela sehr verbreitet.

Für den Start kann ein "Preset" (Seitenruder oder Querruder für Rechtshänder auf rechts, bzw. Höhe oder Wölbklappen leicht auf "tief").erforderlich sein.Ein 3 Stufenschalter für die Wölbklappenstellungen Start-Normal-Thermik ist sehr vorteilhaft.In den USA werden Kreisel eingesetzt, die in Europa für Wettbewerbe jedoch verboten sind.


Viel Erfolg und kein Holm und Rippenbruch.


04.01.2007  Werner Stark (alias BoBo) wstarkat@gmx.at